Die meisten von uns kaufen heute viel mehr online ein als früher, und das ist leicht nachzuvollziehen: Es geht schnell, Preise lassen sich bequem vergleichen, und das Paket kommt bis vor die Haustür. Was dabei verloren geht, ist die Gewohnheit, kurz nachzusehen, ob das, was wir brauchen, nicht schon ein paar Strassen weiter im Regal steht. Ziemlich oft ist das der Fall, und den Laden, der es verkauft hat, bemerken wir meist erst richtig, wenn der Rollladen endgültig unten bleibt.
Der handfesteste Grund, weiter in diesen Läden einzukaufen, hat damit zu tun, wo das Geld landet. Wenn du in einem unabhängigen Geschäft bezahlst, bleibt ein guter Teil davon in der Nähe, denn die Inhaberin wohnt meist in der Gegend und gibt ihr Geld dort aus, die Angestellten ebenso, und der Laden arbeitet für Buchhaltung, Reparaturen oder Drucksachen oft mit anderen Betrieben aus dem Ort zusammen. Eine Kette hat ähnliche Kosten, bezahlt aber mehr davon über einen Hauptsitz, der gut und gern in einem anderen Land liegen kann. 2004 versuchte das Beratungsbüro Civic Economics, diesen Unterschied in Andersonville, einem Quartier in Chicago, zu messen, und kam zum Schluss, dass von 100 Dollar, die in unabhängigen Läden ausgegeben wurden, rund 68 in der Wirtschaft der Stadt blieben, gegenüber 43 bei Ketten mit ähnlichem Angebot. Es ist eine einzelne Studie und keine neue, die genauen Zahlen sollte man also nicht überstrapazieren, aber die Überlegung dahinter gilt in Zürich oder Luzern genauso wie in Chicago.
Der zweite Grund lässt sich schwerer beziffern. Eine Strasse mit offenen Läden ist eine Strasse, auf der die Leute langsamer gehen, für einen Schwatz stehen bleiben und sich gegenseitig kennen, und auf der meistens jemand ein halbes Auge darauf hat, was gerade passiert. Jane Jacobs, die 1961 über Städte schrieb, nannte das «Augen auf der Strasse», und sie zählte Ladenbesitzer zu den verlässlichsten davon, weil sie den ganzen Tag da sind und wissen, wer kommt und geht. Wer einmal zugesehen hat, wie sich eine Einkaufsstrasse Laden für Laden leert, weiss, was sie meinte. Es passiert nichts Dramatisches, aber die Strasse wird allmählich zu einem Ort, durch den man nur noch auf dem Weg woandershin geht.
Dazu kommt das Einkaufen selbst, das in einem guten kleinen Laden schlicht interessanter ist. Jemand hat ausgewählt, was im Regal steht, und kann dir deshalb meist erklären, warum der eine Kaffee besser ist als der andere, welches Olivenöl den Aufpreis wert ist oder ob der günstige Schraubenzieher das erste Jahr übersteht. Oft gehst du auch mit Dingen hinaus, von denen du gar nicht wusstest, dass du sie willst, und wahrscheinlich bleiben einem deshalb die kleinen Läden, auf die man in den Ferien stösst, noch lange im Gedächtnis, wenn die grossen Geschäfte längst ineinander verschwimmen.
Der Preis ist der naheliegende Einwand, und er ist berechtigt. Ein kleiner Laden kann nicht immer mit einem Händler mithalten, der in riesigen Mengen einkauft, und manches bestellt man tatsächlich besser online. Bei vielen Alltagseinkäufen ist der Unterschied aber kleiner, als man denkt, und er schrumpft weiter, wenn man Versandkosten, den Aufwand mit Rücksendungen und den Nachmittag dazurechnet, an dem man zu Hause auf den Kurier wartet. Und wenn du am Ende doch etwas mehr bezahlst, bekommst du in der Regel etwas dafür, und sei es nur jemanden, zu dem du zurückgehen kannst, wenn etwas kaputtgeht.
Das alles heisst nicht, ganz auf Onlineeinkäufe zu verzichten. Realistischer ist es, mit ein, zwei Dingen anzufangen, die du regelmässig kaufst, etwa Brot, Kaffee oder Obst und Gemüse, und sie eine Weile immer im selben Laden in der Nähe zu holen, oder einfach nachzuschauen, was es in der Umgebung gibt, bevor du etwas online bestellst. Für Letzteres haben wir WhereTo gebaut. Du kannst nach einem Produkt suchen und sehen, welche Läden in deiner Nähe es führen, und wenn du in einem Laden etwas entdeckst, das andere kennen sollten, kannst du es hinzufügen, damit sie es ebenfalls finden.
Kleine Läden schliessen selten, weil ihre Kundschaft beschliesst, nicht mehr zu kommen. Meist geschieht es schleichend, wenn genug Stammkunden nach und nach anderswo einkaufen, ohne es wirklich zu wollen, und offen bleiben vor allem die Läden, deren Nachbarschaft weiterhin zur Tür hereinkommt.
Quellen
- Civic Economics, The Andersonville Study of Retail Economics, Chicago (2004), auf Englisch.
- Jane Jacobs, The Death and Life of Great American Cities, Random House, New York (1961). Deutsche Ausgabe: Tod und Leben grosser amerikanischer Städte (1963).
